Aktueller Aufsatz

Im "Vilser Inspectionsboten" erschien im Februar 1909 ein Aufsatz einer Schularbeit über niedersächsische Bauernhäuser. Folgend das wortgetreue Transcript zum Nachlesen.

Aus der Schularbeit
Ein Niedersächsisches Bauernhaus.

Ein Stück alter Zeit, ein Stück deutscher Behaglichkeit und Gemütlichkeit verschwindet immer mehr und mehr aus unserer Gegend: das niedersächsische Bauernhaus. Wegen der Feuergefährlichkeit des Strohdaches ist es von der Polizei verboten, neue niedersächsische Bauernhäuser zu bauen oder auch nur alte mit Stroh neu zu decken. Aber auch andere Gründe sprechen gegen den Bau des niedersächsischen Bauernhauses. Der offene Herd verbreitet einen rauchigen Geruch im Hause, aber heutzutage will man frische Luft darin haben. Das weit vorspringende Dach hindert das Licht, in das Haus einzudringen, und so herrscht in solchem Hause meist Dämmerlicht. Auch ist vieles durch Erfindungen überflüssig geworden, darum ist das Verschwinden der niedersächsischen Bauernhäuser wohl zu erklären. Da es nun zu unserer Zeit noch mehrere niedersächsische Bauernhäuser gibt, so ist es unserer Pflicht, uns derselben genauer anzusehen.

Treten wir auf den Hof, so sehen wir das von mächtigen Eichen umgebene Wohnhaus. Auch der Brunnen ist auf dem Hof. Das Wasser hierin dient den Bewohnern und dem Vieh zum Trinken; es wird vermittelst eines Eimers, der durch eine Stange mit dem Querbalken verbunden ist, heraufgeholt. Der Querbalken wird "Wippe" genannt. Das Haus ist, wenn irgend möglich, auf einen kleinen Hügel gebaut. Schon die Bauart der niedersächsischen Bauerhäuser hat etwas Eigentümliches an sich. Sie sind aus Fachwerk aufgemauert.

Vorn am First - Fast genannt - gefinden sich zwei gekreuzte Pferdeköpfe, die noch an den alten Sachsengott Wodan, dem sie heilig waren, erinnern. Unter den Pferdeköpfen ist ein kleines Loch, welches man Eulenloch nennt; von hier an springt das Dach schräg vor, und an beiden Seiten tritt es weit über die Mauwern. Das hat den Zweck, daß hier verschiedene Geräte, wie Wagenleitern und Sensen, aufgehängt werden, auch Bohnen zum Trocknen werden hierunter gehängt.

Treten wir nun in das Haus selbst. Über dem eingang liegt ein langer Balken, auf dem der Name des Erbauers und seiner Ehefrau, wie auch mehrere Sinn- und Segenssprüche angebracht sind. Auch die Jahreszahl, wann das Haus erbaut wurde, ist darauf vermekrt. Die große, hölzerne Tür liegt ungefähr zwei Meter hinter dem Eingang zurück. Der Raum, der hierdurch entsteht, heißt "Vörschuer", und oben an demselben haben die Tauben ihre Nester. Die Tür schließt an einen in der Mitte stehenden Balken an; dieser wird "Düffel" genannt, und wird, wenn man mit einem Wagen auf die Diele fahren will, weggenommen. Da die große Tür meist offen steht, ist noch ein etwas ein Meter hohes zweiteiliges Tor (Heck) davor angebracht, damit die Schweine nicht vom Hof auf die Diele laufen können. Dieses Heck ist oft noch mit schönen Drechslerarbeiten verziert. Durch das Tor kommt man auf die Diele. Ihr Boden ist aus Lehm bereitet. Zu beiden Seiten derselben sind die Viehställe angebracht, über ihnen sind Zwischenräume, die der Bauer "Hillen" nennt. Hier wird das Stroh aufgewahrt, und auch die Hühner haben hier ihren Sitz - "Hühnerwiemen" genannt. Fast an jedem Ständer sind zwei Hühnernester.

An dem großen Balken unter der Decke haben auch Schwalben ihre Nester gebaut und fliegen ein und aus. Der hintere Teil der Diele heißt "Flett". In der Mitte desselben befindet sich der wohl ein Meter hoch aufgemauerte Herd mit dem Kesselhaken darüber, an dem der Topf auf und ab zu bewegen ist. Das Fleisch und die Wurst räuchert man in einem Rauchfang (Rehm), der sich über dem Herd befindet. Vor dem Wohnzimmer vorüber ist ein Börd angebracht, auf dem die Zinnteller stehen. Rechts und links vom Flett sind die Stuben, früher "Dönzen" genannt, in deren Wand ein Schrank eingemauert ist; dieser Schrank wird "Schapp" genannt. Auch die Schlafstellen sind in die Wand gemauert, man nennt sie "Butzen". In einer Ecke der Stube ist ein dünner Balken angebracht, den man hin und her bewegen kann, hieran wird die Lampe (Krüsel) gehängt. Dieser Balken wird auch "Slagboom" genannt. Durch ein kleines Fenster kann man von der Stube aus die ganze Diele übersehen.

Oben im Haue ist der Boden - Balekn genannt -. Hier werden die Garben aufgepackt, und auchdas Heu wird hier aufbewahrt. Die Stelle, wo das Strohdach des Hauses mit dem Fußboden des Balkens zusammen trifft, wird "Oken" genannt. Über dem wohnzimmer ist das Korn ausgeschüttet. Es hat hier einen guten Schutz, das das Strohdach im Sommer kühlt und im Winter wärmt und so fast immer gleiche Temperatur auf dem Boden herrscht.

Es ist zu bedauern, daß die niedersächsischen Bauernhäuser immer mehr und mehr verschwinden, denn mit ihnen verschwindet ein Stück aus alter Zeit, ein Stück deutscher Gemütlichkeit.